48. Bergrennen Gurnigel 9. + 10. September 2017

Im Rausch der Geschwindigkeit

Trotz schönsten Herbstwetters dürften Wanderer und Velofahrer am Wochenende die Nordseite des Gurnigels gemieden haben, denn zwei Tage lang dominierten heulende Motoren die Szene. Zum 46. Mal brachte das Gurnigel-Bergrennen einen Hauch von Formel 1 in die Region. 320 Fahrzeuge fuhren in einer Vielzahl von Rennkategorien die 3,734 Kilometer den Berg hoch: Rennwagen, Autos, Karts und Motorräder. Die Strecke ist kurvenreich und steil, die maximale Steigung beträgt 12,6 Prozent – unvorstellbar für Neulinge, dass Lokalmatador Marcel Steiner sie 2012 in 1,41 Minuten gefahren hat.

Es ist, als ob die Rennfahrer in Dürrbach Anlauf nehmen müssten, um die Steigung, die schon nach 100 Metern beginnt, bewältigen zu können. Das Schema ist immer gleich: Schon vor dem Start jault der Motor ohrenbetäubend, dann startet der Wagen durch, um die Geschwindigkeit im kurvigen Steilhang wieder leicht zurückzunehmen.

Die Zuschauerzone ist am linken Hang, nach der zweiten Kurve. Die Leute sitzen auf Stühlen oder liegen auf Decken, fotografieren, Kinder springen herum, während auf der Strasse die Reifen quietschen. Kaum haben sich die Köpfe der Zuschauer nach links gedreht, quietscht es schon wieder von rechts. Auf einer Anzeigetafel können die Zuschauer die Zeiten der Fahrer sehen, die Stimmen der Speaker sind auf der ganzen Strecke zu hören.

Pause zwischen zwei Kategorien. In einer Kurve weiter oben putzen Männer mit Besen die Strasse. Plötzlich kommt ein Pannenfahrzeug bergab, einen Rennwagen aufgebockt. Was ist passiert? «Es ist einer abgeflogen, aber es ist ihm zum Glück nichts passiert», erklärt Fritz Streit. Er ist Marshal, wie Streckenposten im Fachjargon heissen. Diese Posten müssen sofort signalisieren, wenn ein Fahrer «abfliegt», das heisst von der Strasse abkommt, damit nachfolgende Fahrer gewarnt sind. Weil diese hinter einem Unfallfahrzeug Zeit verlieren, dürfen sie noch einmal starten.

Ob jemand Kart fährt, ein getuntes Auto, einen Oldtimer oder einen Rennwagen – alle Fahrer tragen Overalls und Helme, dazu passende Handschuhe und Schuhe – wie beim Golf existiert auch im Motorsport ein Dresscode. Beim Gurnigelbad steigt Pierre Schaffo aus Le Locle aus seiner violett-pinken Rennmaschine. Er trägt einen roten Over­all, dazu passende Schuhe, nimmt den Helm ab und wischt den Schweiss vom Gesicht.

«Adrenalin. Adrenalin pur ist das. Dieses Tempo, der Motor, das Publikum», sagt er und lacht, noch ganz ausser Atem. Schaffo schüttelt Christoph Lampert die Hand. Der blau-weiss gekleidete Österreicher aus Feldkirch strahlt, ist er doch mit 1,57 Minuten eine Zeit gefahren, die nah am Streckenrekord liegt.

«Es ist gewaltig. Ein tolles Erlebnis hier am Gurnigel», sagt er. Das Adrenalin. Der Temporausch. Das Risiko. Die Stimmung. Das ist es, was die Fahrer zu Höchstleistungen antreibt und auch diesmal wieder 15'000 Zuschauer ans Rennen brachte. (Berner Zeitung)